.... als man denkt
Am Busbahnhof haben wir unseren privilegierten Status als weisse Ausländerinnen sogleich eingebüßt. Der Buschauffeur trug Mundschutz und Handschuhe und herrschte uns sogleich an, uns einen solchen zu besorgen. Vorsorglich sprüht er uns schon mal mit Desinfektionsmittel ein: wir sind als Ausländerinnen zur Gefahr geworden. Den Reizhusten, den die Sprayerei verursachte, unterdrückte ich, um weiteres Aufsehen zu vermeiden. Die Möglichkeiten, nach Bogota zu gelangen reduzierten sich im Stundentakt. Niemand konnte zusichern, dass es für den nächsten Tag (Freitag) noch Transportmöglichkeiten geben würde.
Der Abschied aus Barrancabermeja fiel folglich so aus, wie wir ihn hatten vermeiden wollen. Überstürzt. Trotz niedrigen Fallzahlen begannen die regionalen und lokalen Behörden massive Einschränkungen zu verordnen. Zwischendurch meldete sich der Präsident zu Wort und erklärte die Massnahmen für illegal, da einige Entscheidungen ausserhalb der Kompetenz der niedrigen Chargen liegen würden. Diese kümmerten sich nicht um den präsidentialen Rat. Kolumbien ist im präventiven Ausnahmezustand. Die Strassen sind gespenstisch leer, die Busbahnhöfe und Verpflegungsstationen unterwegs geschlossen. In Bogota dasselbe Bild, wenig Verkehr, einige wenige Taxis mit Sonderbewilligung, regelmäßig zirkulierende Polizei, welche über die Einhaltung der Regeln wacht. Claudia, die Bürgermeisterin Bogotas, hat übungshalber eine Ausgangssperre für das verlängerte Wochenende erklärt. Diese wird sehr diszipliniert eingehalten.
Heute Freitag, 20. März werden landesweit 128 Infizierte gemeldet, in Bogota sind es 53. Rigorose Maßnahmen, im Verhältnis zur Einwohnerzahl. Sie scheinen, nachdem was man bis heute über die Ausbreitung weiß, richtig.
Für morgen Samstag ist unser Rückflug gebucht. Mal sehen, ob es klappen wird. Die Entscheidungsfindung und die Organisation der Rückreise gingen mit einem Lernprozess einher. Kolumbien hat über Nacht auf Krisenmodus umgeschaltet, zeitweise war unklar, was wann in Kraft treten würde. Es ist ein Szenarium eingetreten, wo individuelle Wünsche keinen Platz mehr haben, übergeordnete Stellen und Dringlichkeit setzen den Rahmen.
Die Planung zur Beendigung der Internationalen Begleitung In Kolumbien hatte bereits begonnen. Wir hatten vor, uns von jeder Gemeinschaft mit einer schlichten, würdigen Feier zu verabschieden. Das alles wird nicht stattfinden. Wir könnten uns nicht mal persönlich verabschieden.
Anders in Barrancabermeja. Da kamen noch einige Leute vorbei. Die Rollen waren umgekehrt, sie haben uns durch diese letzten Stunden in der Stadt begleitet und uns zum Busbahnhof gefahren.
Äußerlich läuft das ruhig und gefasst ab. Es ist mir bewusst, dass der Coronavirus weltweit eine Situation geschaffen hat, wie ich sie mir nie hätte vorstellen können. Für mich sind ein paar Unbequemlichkeiten die einzige Folge. Für andere, die Strassenverkäuferinnen beispielsweise geht ein verlorener Arbeitstag ans Existentielle: "Ich werde entweder am Coronavirus oder an Hunger sterben".
Innerlich ist es eine ganz andere Sache. Die Arbeit, die wir machen, beruht auf Vertrauen. Die Beziehungen vertieften sich mit jedem Besuch und wir lernten mehr über die Menschen und ihre Gemeinschaften. Und das ist nun ohne Ankündigung abrupt zu Ende. Der Film geht nicht weiter, er ist gerissen. Es bleibt das Gefühl, etwas nicht zu Ende gebracht zu haben. Gleichzeitig die Sorge, dass die Abwesenheit der Begleitorganisationen durch die gewalttätigen Gegenpol ausgenützt werden könnten.
Vom Hotelzimmer aus versuchen wir, uns von jenen Leuten zu verabschieden, die ein Telefon besitzen. Es sind gefühlvolle Gespräche. Man bedauert die Abreise und hat Verständnis dafür. Man bedankt sich, wünscht uns wortreich alles Gute für die Rückreise und nie vergessen sie, unsere Familiemitglieder zu grüssen.
Es ist herzzereissend und die Ahnung taucht auf, dass das letzte Wort noch nicht gesprochen ist. So nicht. Irgendwann werden wir in der direkten persönlichen Begegnung fortsetzen, was jetzt ausgesetzt werden musste. Sich von Kolumbien ohne Umarmungen zu verabschieden, das geht nicht.
In diesem Sinne: hasta luego, campaner@s
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