Arbeitsalltag

Ich mag diesen Moment, wenn das Schnellboot, kaum weg vom Steg, die Nase hebt und das Heck ins Wasser drückt. Alle Kraft voraus. Das Wasser sprüht und der Wind kühlt einen auf Normaltemperatur.
Dona Maria hat uns letzthin erzählt, dass sich die "Chalupas" auch mal überschlagen und erläutert uns alle Einzelheiten eines tödlichen Unfalls, der sich vor Jahren ereignet hatte. Weiß der Kuckuck, warum sich die ansonsten äußerst liebenswürdigen Kolumbianerinnen dazu berufen fühlen, uns stetig mit Katatrophenmeldungen zu unterhalten.

In den ländlichen Gemeinden, da werden wir oft mit Motorrädern durch die Gegend chauffiert. Die Fahrer sind auf diesen ausgetretenen Pfaden äußerst geschickt. Auch da wurde uns erzählt, dass es des öfteren Unfälle geben würde. Es hat sich allerdings harmlos angehört, die Motos würden hin und wieder "umufallen". Jessica, welche mich kürzlich von El Garzal zum Fluss gefahren hatte, erzählte mir gleich auf den ersten Metern, dass sie erst einmal umgefallen sei. Der Mitfahrer sei unerfahren gewesen und hätte sich mit seinem überschweren Rucksack ständig bewegt. Sie fand die Schilderung über den ungeschickten Gringo äußerst vergnüglich.
In Barrancabermeja hingegen, da fallen die Motorräder nicht um, da verunfallen sie und zwar täglich. Motorräder sind das beliebteste und erschwinglichste Verkehrsmittel in der Stadt. Mengenmässig haben sie enorm zugenommen in den letzten Jahren, sie sind in der Überzahl und so fahren sie auch.

Die nächsten Monate werden Felicitas und ich regelmässig die ländlichen Gemeinschaften aufsuchen, die wir im Eiltempo kennengelernt hatten. Es ist eine gemächliche, gleichzeitig anstrengende Arbeit. Wir wollen jeweils unsere Anwesenheit sichtbar und uns ein Bild von der aktuellen Sicherheitslage der begleiteten Gemeinschaften machen. Wir werden die nächsten zwei Tage möglichst viele Menschen in El Guayabo und Bella Unión besuchen. Es scheint Ehrensache zu sein, uns zu empfangen. Man lässt alles stehen und liegen, um mit uns "Tinto" zu trinken und sich mit uns zu unterhalten. Man schätzt die Wirkung unserer Begleitung hoch ein. Man fühle sich sicherer, wird uns immer wieder gesagt. Mir ist diese unverdiente Wertschätzung oft unangenehm. Letztlich baut unsere Freiwilligenarbeit darauf auf, dass wir einen anderen Pass haben. Falls uns etwas geschehen würde, hätte das ganz andere (politische) Folgen, als bei einem einheimischen Opfer. Oder wie es Camilo bei der Einführung gesagt hatte, ein kolumbianisches Opfer mehr, das vielleicht in der Statistik erscheint, vielleicht auch namenlos und unbeachtet irgendwo verscharrt würde.

Wir deponieren unsere Rucksäcke bei unserer Gastfamilie in El Guayabo und halten den ersten Schwatz von vielen. Dann machen wir eine Runde durch s Dorf. Die Soldaten sind abgezogen. Seit kurzem sind sie in der Gegend, weil verschiedentlich unbekannte bewaffnete Gruppen gesichtet worden sind. Wir werden am nächsten Tag kurz vor Bella Unión auf sie treffen. Wir haben uns vor zwei Wochen vorgestellt (eine komische Szene, ein äusserst freundlicher, um nicht zu sagen überfreundlich lächelnder Vorgesetzter umgeben von grimmig schauenden Soldaten), diesmal bleibt es bei einem kurzen Gruss.
Emilia empfängt uns herzlich. Sie wirkt ruhiger als vor zwei Wochen, als die Soldaten sozusagen in ihrem Vorgarten logierten. Sie sei mit dem Kommandanten aneinandergeraten, dieser habe das private Gelände erst nach der telefonischen Intervention einer Nichtregierungsorganisation verlassen.

Eine weitere Begebenheit hat die Menschen in den beiden Weilern alarmiert: Mitte Januar wurde in der Nähe ein Mann ermordet. Was sich genau warum zugetragen hat, lässt sich für uns nur aufgrund vieler Gespräche ableiten.  Je grösser die Angst, desto ungenauer die Berichterstattung. Eine bekannte Dynamik: man hofft, indem man nichts sieht, nichts hört und folglich nichts weiss, an Sicherheit zu gewinnen. Die Interpretation der Ereignisse hängen auch vom der politischen Haltung ab. Wir haben zum gleichen Vorfall die ganze Bandbreite gehört: von venezolanischen Flüchtlingen als Täter bis zur gewöhnlichen unpolitischen Delinquenz zur politisch motivierten systematischen Eliminierung. Nach unserem Verständnis wurde Antonio Medina ermordet, weil er den Diebstahl von Vieh angezeigt und eine Führungsposition in der Gemeinde inne hatte. Ersteres kommt häufig vor und wird selten angezeigt, weil man sich damit nur Schwierigkeiten einhandelt. Damit gehörte er in Kolumbien in doppelter Hinsicht zu einer Risikogruppe.

Den zweiten Teil der Informationen, weiss ich noch nicht einzustufen. Ist der schlicht als Gerücht zu verstehen oder ist da was dran? Menschen, die in Konfliktgebieten leben, scheinen ihre eigenen Kommunikationsformen zu entwickeln. Wissen kann gefährlich werden, deshalb werden Informationen oft verzerrt. Vieles hört sich nebulös an. Hinter vorgehaltener Hand wird erzählt, dass der Täter ortsansässig sei. Man kenne ihn als "sicario a sueldo", als Auftragsmörder. Der Name wird manchmal genannt und manchmal wird die Person vage umschrieben. Er sei nach der Tat kurz untergetaucht und von vorübergehender Verhaftung ist die Rede. Dieser Vorgang wurde mehrfach geschildert. Keine Ahnung, ob da was dran ist, an der Geschichte. Was sie allerdings schildert, die Geschichte, ist, wie gross das Misstrauen der Menschen gegenüber den Behörden ist. Ein alltäglicher Ausdruck über das Versagen des Staates im Allgemeinen und des Justizapparates im Besonderen. Die Straffreiheit in Kolumbien ist enorm hoch.

Am Abend nehmen wir an einer Sitzung teil, bei der wir uns ziemlich ratlos fragen, was wir hier sollen. Es wird des langen und breiten der juristische Vorgang zur Gründung eines Vereines erklärt. Der Präsident geht pädagoisch vor, um das Procedere zu veranschaulichen. Irgendwann wird es bei dieser trockenen Materie aus unerfindlichen Gründen emotional, es wird heftig diskutiert und dazwischengerufen. Und ebenso schnell, wie sich das Ganze hochgeschaukelt hat, ist es auf einmal vorbei. Die Leute stehen auf, während wir beide noch auf die offizielle Schliessung der Sitzung warten. Vergeblich. Kolumbianische Sitzungsverläufe scheinen ihre eigene Dynamik zu haben, oft drehen die Diskussionen Schlaufen und auf einmal- wie auf ein noch nicht erkanntes Zeichen hin- ist der Spuk vorbei.

Das gibt uns Zeit für einen weiteren Schwatz, der allerdings in einen, wenn auch unterhaltsamen, Monolog ausartet. Lucho, der seine Kínder nach den Nachkommen von Che getauft hat, doziert über die jüngste Geschichte Kolumbiens.


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