Sitzung in Puerto Wilches

Über den Grund unserer Teilnahme an einer Sitzung in Puerto Wilches war auf dem Hinweg ebenso wenig zu erfahren, wie über dessen Inhalt. Die Einladung sei auf Umwegen an uns gelangt und eine Teilnahme sei wichtig, teilte uns unsere Ansprechsperson mit. Als Freiwillige fühlt man sich gerne nützlich, auch wenn der Sinn der Angelegenheit nicht auf Anhieb erkennbar ist.

An der Anlegestelle in Puerto Wilches herrscht reges Treiben, viel Polizei und Militär sind unterwegs, Geländewagen mit abgedunkelten Scheiben fahren vor, es scheinen heute noch andere VIP s hergefahren zu sein.
Wir fahren mit einem Tuc Tuc zum Sitzungsort. Was heisst hier Sitzung: eine Tagung mit sperrigem Titel wird angekündigt: "Regionales Podium im Rahmen des Nationalen Dialoges über Energiealternativen und Pilotprojekte zur Erschließung von Energievorkommen durch unkonventionelle Mittel". Es geht um das sogenannte "Fracking", eine äußerst umstrittene Methode der Energiegewinnung. Im Wahlkampf hatte die aktuelle Regierung noch davon Abstand genommen, jetzt möchte man einzelne Pilotprojekte durchführen. "Fracking" ist derzeit in Kolumbien nicht erlaubt. Ich kenne mich bei diesem Thema nicht aus. Was sich da die nächsten Stunden entwickeln sollte, kam mir vor wie eine wohlorchestrierte Inszenierung mit durchaus komischen Aspekten. Durchaus übertragbar auf andere Themen. 
Mittlerweilen hatte sich für uns das Warum und Wieso geklärt. Die Einladungen zu diesem "regionalen Dialog" werden selektiv verschickt, aber- der Anlass ist öffentlich. Während die Geladenen leicht erkennbar waren- die Mehrheit trug Arbeitskleidung von Ecopetrol- Eco neuerdings grün geschrieben- waren die Ungeladenen daran zu erkennen, dass sie nicht uniformiert waren, weder mit Krawatte noch mit Arbeitsuniform. Es ging offenbar ganz einfach darum, durch unsere Anwesenheit sich mit der Opposition zu solidarisieren.
Zuerst sprach die Energieministerin. Bei ihrem Eintreffen hat sie leutselig allen Leuten in Reichweite die Hände geschüttelt. Ihr Vortrag war gut aufgebaut: sie zeigte den Energieverbrauch und künftigen - mangel auf. Sie referierte über die Entwicklungschancen, welche die unkonventionelle Energiegewinnung für die Region mit sich bringen würde. Die ganze Infrastruktur würde verbessert: Straßen und Schulen würden gebaut, ganz zu Schweigen von der Trinkwasser- und Elektrizitätsversorgung. Sie wolle mit diesem Pilotprojekt die Energieversorgung Kolumbiens sicher stellen. Damit wir täglich unseren Kaffee zubereiten und eben so täglich oder dazu, fernsehschauen können. Einzig der Abschluss ihres Vortrages misslang: ein Dia zeigte Solarpanels, Ölpalmen und einen Erdölturm. Es hat für Platz alle, war das hässliche Bild überschrieben.
Dann kamen die Experten, welche ihren Untersuchungsbericht präsentierten. Es wurde auf eine Fülle von Studien hingewiesen, die mich überforderte. Nicht hingegen den Schluss, den man aus dieser Vielfalt gezogen hat: nämlich, dass das Pilotprojekt bewilligt werden sollte. Mit der "fracking" - Methode habe man weder gesunds- noch umweltschädliche Folgen zu befürchten. Bei soviel Harmonie im Saal hatten sich die Stühle in der Zwischenzeit geleert.
 Zum Abschluss des Plenum meldete sich eine Gegenstimme aus dem Publikum. Der Sprecher der " Kolumbianischen Allianz gegen das Fracking" legte sich mächtig ins Zeug. Der Saal füllte sich im Nu wieder und die Kameras surrten. Um den Sprecher wurden Transparente hochgehalten, einer trug ein T-Shirt " Frack off". Tosender Applaus der Nicht-Uniformierten. Der Tagungsverlauf hatte einen Kratzer erhalten, die rosig gezeichnete Zukunft war mit Fragezeichen versehen worden. 
Draußen gab Carlos Andres Santiago noch Interviews. Als sich das Ganze aufzulösen begann, näherte sich ihm ein Sicherheitsbeamter von Ecopetrol. Er machte gut sichtbar ein paar Fotos und fragte ihn nach dem Namen. Diese Aktion war völlig überflüssig, weil der Name des Sprechers sowie seine Intervention bekannt bzw. aufgezeichnet wurde. Es hatte wohl bloß zum Zwecke, eine Botschaft zu signalisieren:" Wir haben Dich im Visier". 
Carlos hat "esquema", das heisst, er wird, wie so viele Menschenrechtsverteidigerinnen und Oppositionelle, von einem staatlich zur Verfügung gestellten, bewaffneten Sicherheitsbeamter begleitet.
Beim Mittagessen herrschte eine erstaunlich lockere Stimmung, es wurden Sprüche geklopft und Anekdoten zum besten gegeben. Das kolumbianische "mamar gallo" ist vielschichtig. Es scheint wesentlich tiefer zu gehen, als gemeinsames Blödeln, es scheint eine Lebenshaltung zu sein. Man kann sich daran aufwärmen, man kann damit die Schwere vetreiben. Eigentlich eine durchaus ernste Sache, diese kolumbianische Leichtigkeit. 

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