Erster Einsatz als Freiwillige von Peace Watch Schweiz

Die Geschichte(n) der drei ländlichen Weiler, die wir als Erstes besuchen, sind unterschiedlich, weisen aber Gemeinsamkeiten auf. Es sind diese David-Goliath Geschichten, die ermüden, wenn man sie überliefert bekommt, die man ganz anders wahrnimmt, wenn man sie direkt miterlebt.

Felicitas und ich tragen zum ersten Mal die grüne Weste, welche uns als Peace Watch- Freiwillige ausweist. Wir sind als Internationale Beobachterinnen unterwegs, mit dem Ziel, durch unsere Anwesenheit eine gewisse Öffentlichkeit herzustellen, welche Übergriffe von bewaffneten Akteuren abschrecken soll. Sehen und gesehen werden. Auf der ersten Reise sind wir zu Dritt unterwegs, Maritza, unsere Ansprechsperson, wird uns in den ländlichen Gemeinden vorstellen.

Die Fahrt mit der "Chalupa" (Schnellboot) auf dem Rio Magdalena versetzt einen in eine andere Welt. In eine afrikanische, dabei kenne ich Afrika gar nicht. Der Fluss ist breit und träge, hin und wieder von Sandbänken unterbrochen, wo sich Fischer provisorisch eingerichtet haben. Ab und zu kreuzt ein Einbaum unseren Weg, mit oder ohne Motor. Am Ufer tropische Vegetation, selten mal ein Dorf. Unser Käpten hält auf dem Wasser kurz an, um frischen Fisch zu kaufen. Auf der Rückfahrt nimmt er mitten auf dem Fluss Fahrgäste auf, die geübt auf s Boot springen. Ein Kranker steigt zu, er zahlt seine  Fahrt mit einem Fisch, einem Prachtsexemplar. Der Patient wechselt später unterwegs das Boot, um zum Arzt zu gelangen, diesmal allerdings ohne Fisch. 


El Guyabo ist ein schlichtes Dorf. Strom und die bescheidene Bootsanlegestelle sind die einzigen Zeichen öffentlicher Dienstleistung. Die Häuser sind den finanziellen Möglichkeiten entsprechend gebaut: mal gemauert, mal mit Brettern und Palmwedeln erstellt. Einzig das Sportfeld macht einen professionell erbauten Eindruck und wirkt dadurch seltsam deplaziert. Ebenso wie die Kinder, welche am Morgen mit einwandfreier Schuluniform die Häuser verlassen. Die Haustiere bewegen sich frei: Schweine und Ferkel quietschen vergnügt im Schlamm, Hühner gackern, Hunde streuen und zwischendurch galoppiert ein Cowboy vorbei, um auf dem Feld seiner Arbeit nachzugehen. Ein friedliches Bild eines einfachen, harten Lebens. 

Erik, Bauer und Präsident des Kleinbauernverbandes, zeichnet ein ganz anderes Bild. Er und einige Mitglieder nehmen sich die Zeit, uns anhand einer selbstgefertigten Karte aufzuzeigen, wieviel Tote, will heißen Ermordungen es in den letzten zwei Jahren im unmittelbaren Umkreis Ihres Dorfes gegeben hat. Es wirkt, als ob sich ein Netz um das Dorf zusammen ziehen würde. Für das Land, welches sie seit Jahrzehnten bewirtschaften, gibt es (noch) keine offiziell beglaubigte Landtitel. Erik und seine Organisation bemühen sich seit Jahren darum, die Angelegenheit zu regeln, mit bescheidenem Erfolg. Diese Geschichten haben stets einen ähnlichen Verlauf. Ohne Anspruch darauf, den Durchblick über die rechtlichen Feinheiten zu haben, läuft das in etwa folgendermaßen ab. Nach Überwindung verschiedener bürokratischer Hürden, wird der rechtmäßige Anspruch auf das Land anerkannt. Die ersten Titel werden gesprochen. Dann taucht jemand auf, der sich als Besitzer desselben Landes ausgibt. Dieser Jemand ist durchwegs immer mit finanziellen Möglichkeiten ausgestattet, hat Einfluss und meist Verbindungen zu bewaffneten Akteuren.Und damit beginnt eine jahrzehntelange juristische Achterbahn mit für Aussenstehende unglaublichen Wendungen. Es kann sein, dass die ausgehändigten Titel wegen Formfehler aberkannt werden. Es kann sein, dass eine Landvermessung verordnet wird, die eine Rechnung zur Folge hat, welche das Budget der Bauern übersteigt. Es kann passieren, dass die Titel nicht aberkannt werden, sich das Grundbuchamt aber weigert, diese zu registrieren. Es kann sein, dass die Behörde sich einfallen lässt, das Land aus unerfindlichen Gründen zu enteignen und einem anderen Zweck zuzuführen. Die für Landfragen zuständige Behörde hat seit deren Schaffung dreimal ihren Namen und Funktionsweise geändert, was nichts zur Beschleunigung der Verfahren beigetragen hat. Die erste Behörde hatte den irreführenden Namen " Institut zur Agrarreform". Es erübrigt sich zu sagen, dass sich der private Landbesitz in Kolumbien in den Händen weniger befindet. Den ganzen Wirrungen könnte man aus der Ferne mit Verwunderung begegnen, würde da nebst der Korruption nicht versucht, gewaltsam Einfluss zu nehmen. Um sein Land zu kämpfen ist in Kolumbien lebensgefährlich. Die Menschen und deren Repräsentanten in El Guyabo werden bedroht und wurden schon mehrfach unter Gewaltandrohung vertrieben. 

Nach der Sitzung widmet man sich anderen Themen. Maritza wird nach ihrer Familie gefragt, man tauscht Neuigkeiten über gemeinsame Bekannte aus. Vielmehr als das Buschtelefon existiert hier nicht. Und das ist auch gut so, das Plaudern verbindet und stärkt die Menschen. 



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