Ferien

Meine Feriendestination Uraba weckt in mir zahlreiche Erinnerungen. Keine davon ist positiv. 
Uraba war in den 90er Jahren von den verschiedenen Kriegsparteien stark umkämpft. Hier wurden die berüchtigten Autodefensas Campesinas de Cordoba und Uraba ACCU der Gebrüder Castano gegründet. Hier waren die Guerrillas der EPL und der FARC vertreten. Und natürlich die offiziellen Streitkräfte, welche stets auch inoffiziell aktiv waren, will heißen außerhalb des Gesetzes agierten. Hier hat sich  San José de Apartado, zur Gemeinde des Friedens deklariert. Als fortan neutralen Ort hat sie sämtlichen Kriegsparteien verboten ihr Gemeindegebiet zu betreten. Diese Haltung wurde von keiner der Akteure respektiert. Als Kollaborateure der jeweils anderen Partei bezichtigt, wurde die Gemeinde immer wieder Schauplatz von Drohungen und Ermordungen. Das Friedensdorf widersetzt sich bis heute und zeichnet sich durch einen Mut aus, den zu beschreiben mir die Worte fehlen. 

Kaum in Apartado angekommen, zeigt sich mir eine unerwartet vertraute Welt. Es herrscht ein buntes Treiben, das ich von meinem früheren und späteren Einsatzort Barrancabermeja kenne. Musik tönt aus allen Ecken und Enden und überscneidet sich, Motos sausen, mit Menschen u/o Waren überladen durch die Straßen, andere widmen sich dem, was man in Kolumbien " mamando gallo" nennt. Wörtlich: den Hahn stillen. Sinngemäss: gemeinsames Rumhängen. Meine dunklen Erinnerungen verflüchtigen sich. 

Kaum hat das offene Schnellboot abgelegt, setzt Musik ein, die Leute jubeln und werfen die Arme in die Höhe, wie bei einem Konzert. Später wiederholt sich dieselbe Szenerie bei grossen Wellen, zumindest bei den ersten. Auf dem offenen Meer Richtung Capurgana (Darien, an der Grenze zu Panama) wird es dann ruhiger und- wie mir schien, nachdenklicher. 

Und jetzt bin ich da. An einem Ort, der nur via Wasser- oder Luftweg erreichbar ist. Wo es keine Autos, wohl aber Velos, Motos und Eselkarren das Straßenbild prägen. Ein Ort, der stolz darauf ist, anders zu ticken: nämlich gemächlich. Wo Zitate im Stile von "Die Stille stellt keine Fragen, aber sie kann uns auf alles eine Antwort geben" an den Wegen befestigt sind. Hilfe. Solche Tage des Nichtstun- müssen hatte ich mir sehnlichst herbei gewünscht. Jetzt kommt es mir allerdings lang und bedrohlich vor. Eine Woche nichts tun, ausser was ich mir vorgenommen hatte. 

Ich habe mehrere Bücher dabei, die mir helfen sollen, die aktuelle Situation Kolumbiens besser zu verstehen. Im Moment scheint mir, als ob es verschiedene Realitäten geben würde von denen ich nicht weiß, wie sie zueinander stehen. In den 90er Jahren war reisen aus Sicherheitsgründen erschwert. Einige Gebiete konnte man nicht bereisen, andere nur auf dem Luftweg, der Landweg war zu gefährlich. Uraba galt als sehr gefährlich. 
Paramilitärische Verbände bezeichnen Uraba heute als "befreite" Zone, weil keine Guerilla mehr existiert und somit keine bewaffneten Auseinandersetzungen mehr stattfinden. Im Gegensatz zu früher kann man herumreisen, ohne Angst vor Entführungen oder bewaffneten Auseinandersetzungen haben zu müssen. Sollte man meinen. Im Dezember letzten Jahres hat die obengenannten Friedensgemeinde eine nationalen und internationalen Appell veröffentlicht, worin zahlreiche Übergriffe und Bedrohungen durch die paramilitärische Verbände dokumentiert sind. 

Eine Woche karibische Idylle mit einem Bücherstapel schweren Inhaltes. Vorne am Strand steht an prominenter Stelle ein imposantes Hotel leer. Das würde einem Drogenhändler gehören, der derzeit hinter Gitter sei und bald frei komme. Mehr ist nicht zu vernehmen. Wahrscheinlich verweben sie sich doch, die verschiedenen Ebenen. 










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