Bogota
Es sind ruhige, unspektakuläre erste Tage in Bogota. Alltägliches steht an. Ich habe Zeit, mich eingehender mit den aktuellen Ereignissen im Land beschäftigen und die Stadt zu erkunden. Einzig der Ausländerausweis muss beantragt und eine Ferienreise geplant werden.
Für die knappen 10 Kilometer zum Einwanderungsbüro in den Norden der Stadt braucht der Bus bei günstigen Verkehrsbedingungen eine Stunde. Die Busse, natürlich alte oder sehr alte Dinger, verlangen dem Chauffeur alles ab. Da erleichtert keine Lenkhilfe noch Druckluftbremsen oder sonstige modernen technischen Hilfsmittel das Fahren. Unter vollem Körpereinsatz wird das Fahrzeug gelenkt, beschleunigt, gebremst und geöffnet. Der Einsatz überträgt sich auf den Bus: er knattert, quietscht und zittert. Ab 50kmh hat man das Gefühl zu fliegen, dermassen intensiv wird die Fortbewegung wahrgenommen.
Das Verkehrsverhalten ist ein weiteres faszinierendes Thema, weil es andern Regeln, als den gewohnten folgt. Es scheint, als seien sich alle Verkehrsteilnehmer darin einig, dass nie eine Lücke enstehen darf. Folglich haben verkehrslenkende Massnahmen wie Fahrbahn oder Ampeln eine äusserst beschränkte Wirkung. Übrigens auch Haltestellen; der Bus hält jederzeit an, wenn jemand am Strassenrand winkt oder aussteigen will, manchmal alle paar Meter. Ich fühle mich stets sicher unterwegs. Es hat damit zu tun, dass die Kräfte, die den Bus lenken und vorwärts bewegen, unmittelbar spürbar sind und sich dem Verkehrschaos draussen anschliessen, das nur eine Richtung kennt: vorwärts und sei es nur um Zentimeter.
Anders verhält es sich, wenn ich zu Fuss unterwegs bin. Sind es die vielen und wiederholten Warnungen, die mich vorsichtiger haben werden lassen? Bin ich ängstlicher geworden oder hat sich etwas verändert in dieser Stadt? Ist die lange und andauernde Leidensgeschichte dieses Landes spürbarer geworden? Der Kampf um soziale Gerechtigkeit ist ebenso lang wie dessen blutige Unterdrückung. Schlägt sich das atmosphärisch nieder?
Ich weiss es nicht. Ich weiss, dass ich mich mit diesen Fragen noch eingehender befassen werde.
Langsam, aber sicher gehts auf dem Migrationsamt zu und her. Die Leute stehen bis auf die Strasse Schlange. Endlich am Schalter, wird alles nochmals erfragt, was ich bereits- zwecks Beschleunigung-elektronisch zum besten gegeben habe. Schliesslich noch Fingerabdrücke und Fahndungsfoto (gerader Blick in die Kamera, nicht lächeln) Da geht es richtig nett zu und her: setzen Sie sich, mi amor. Ay, carino, könnten Sie vielleicht das Kinn etwas anheben. Beinahe ist mir ein Schmunzeln- und das vor einer Kamera- entwischt.
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