Bogota zum Dritten

Der zweite Aufenthalt in Bogota wurde zu einem kurzen Zwischenhalt. Regula war aus der Schweiz eingetroffen und wollte gleich am nächsten Tag mit Martha, unserer Gastgeberin, nach Barichara reisen. Ich schloss mich kurzerhand den Beiden an. Und so kam es, dass ich mich am Sonntagabend auf der Finca eines Bruders des Freundes einer Freundin (.....) wiederfand. 
Still war es. Und warm. Und gepflegt. Die Stadt, die Umgebung, die Finca. Der Tuc-Tuc Fahrer, der uns aus der Stadt fuhr, erklärte uns, dass Barichara ein ruhiger Ort sei. Wirklich ruhig. "Ruhig" bezieht sich beinahe immer auf die Sicherheitslage. Man könne nachts den Sternenhimmel schauen. Kein Problem.
Ein Ort, wo man sich vorstellen kann, von einer kreativen Eingebung erfasst zu werden, die einen den Rest seiner Tage erfüllen würde. Meine Zeit in Barichara war wohl zu kurz.

Die Feiertage sind definitiv vorbei. In Bogota ist dies deutlich spürbar. Mehr Menschen, mehr Verkehr, mehr Betrieb. Meine Zeit als Touristin ist ebenso vorbei. Bei der kolumbianischen Partnerorganisation von Peace Watch Schweiz PWS, nämlich Pensamiento y Accion Social PAS waren Einführungstage angesagt. Felicitas und ich wurden auf die Freiwilligenarbeit vorbereitet, die wir ab nächster Woche in Barrancabermeja aufnehmen werden. Als Internationale Beobachterinnen werden wir bedrohte, ländliche Gemeinden aufsuchen, die sich zum Ziel gesetzt haben, die Landtitel für ihr Land zu beantragen, welches sie seit Jahrzehnten bearbeiten. Eine heikle und komplizierte Angelegenheit in Kolumbien, erst recht, wenn mächtige Gegenspieler sich dagegen stemmen. 

Gestern hat Camilo uns über die Menschenrechtsverletzungen der letzten Jahre informiert. Mit routinierter Stimme hat er Statistiken erläutert, sie in Verbindung mit der Landkarte gesetzt und damit deren Systematik sichtbar gemacht. 2016, im Jahr des Friedensabkommens, waren die Zahlen weniger. Seither sind sie im Steigen begriffen und für das aktuelle Jahr befürchtet er Schlimmes. Auf die Frage nach einem Ausweg, nach Zeichen der Zuversicht, da schweigt er. Zu oft schon habe er seine Hoffnungen mit einem politischen Projekt verbunden und ebenso oft sei er enttäuscht worden. 

Raus aus dem Sitzungszimmer und rein ins Strassenleben. Das bunte Treiben, die beiläufigen herzerwärmenden Kontakte unterwegs nehmen einen die Schwere, die sich eingestellt hat. 

Morgen Sonntag reisen wir nach Barranca und das ist gut so. Es ist zwar äußerst kurzweilig, als Touristin in diesem Land unterwegs zu sein. Die Landschaft ist vielseitig, die Menschen absichtslos freundlich, der Alltag immer für eine Überraschung gut. Ideale Bedingungen, um sich eine Weile den durchaus geschätzten, geregelten Verhältnissen zu Hause zu entziehen. Gleichwohl behagt mir die Rolle als Touristin nicht. Nicht wegen meiner Vorgeschichte und der aktuellen, besorgniserregenden Entwicklung. Zuviele offene Fragen, deren Antworten kaum am Strand zu finden sind. Wohl eher im Begleiten eines Prozesses und als Zeugin eines zerbrechlichen Alltages, wo das Streben nach Stabilität und Sicherheit bedrohliche Kräfte auf den Plan rufen kann. 



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