Barrancabermeja, Magdalena Medio
Egal, wo im Lande man Barrancabermeja erwähnt, unweigerlich folgt darauf eine Bemerkung über die Hitze, die hier herrscht. Die Barranquenos sind stolz auf ihre Stadt und ihre Geschichte. Sie wird allerdings in keinem Touristenführer erwähnt, es gibt nichts, was Reisende hierherlocken könnte. Weder die Temperaturen kombiniert mit hoher Luftfeuchtigkeit noch irgendwelche Sehenswürdigkeiten.
Barranca spielt national eine wichtige Rolle bei der Erdölgewinnung und - verarbeitung. Die grössten Erdölraffinerien Kolumbiens sind hier angesiedelt und sie tragen nichts zur Steigerung der Attraktivität Barranca's bei. Aber- diese Stadt am Rio Magdalena hat eine ungeheuer lebendige Sozialgeschichte. Die Stadt und ihre Umgebung ist Symbol für zivilen Widerstand, von Gewerkschaftlern und Kleinbauern, Menschenrechts- und Frauenorganisationen, welche in jahrzehntelangen Prozessen versuchen, ihre Rechte einzufordern. In Barranca haben über die Jahre sämtliche bewaffneten Akteure die Bevölkerung terrorisiert. Die Zahl war früher überschaubar: die verschiedenen Guerrillagrupierungen, paramilitärische Verbände, das Militär und die Polizei. Heute, nach dem sog. Friedensabkommen, spricht man von 22 (zweiundzwanzig! ) bewaffneten Gruppierungen in Barranca und Umgebung, die unterschiedliche Interessen verfolgen.
Aber zurück zur Ankunft. Felicitas und ich stiegen beim Parque del Descabezado (Enthaupteten) aus, der offiziell Parque Camilo Torres heisst. Und damit sind wir schon mittendrin in der bunten, lebendigen Geschichte Barrancas. Die Statue des kleinen Platzes ist Camilo Torres Restrepo gewidmet. Einem frühen Befreiungstheologen mit nationaler Ausstrahlung, der 1965 der Guerilla ELN beiträgt, dies besser nicht getan hätte, den er fiel in der ersten Kampfhandlung, an der er teilgenommen hatte, ein knappes halbes Jahr später. Nein, er wurde nicht enthauptet. Enthauptet wurde hingegen die Statue, welche die Erdölgewerkschaft USO 20 Jahre nach seinem Tode ihm zu Ehren errichtet hatte. Das geschah just in der Nacht vor dem grossen Einweihungsakt und gab dem Platz seinen bekannteren, inoffiziellen Namen. Es sollte nicht der einzige Vandalenakt bleiben. Davon gab es mehrere, schließlich wurde die Statue mit Dynamit gesprengt. Jedes Kapitel wurde von heftigen Kontroversen begleitet. Etliche Jahre später wurde das Denkmal wieder erneuert. Nicht vom ursprünglichen Künstler, der hatte dankend abgelehnt, nachdem er von Gegnern des Denkmals kurzzeitig entführt worden war......Das sind barranquenische Geschichten, von denen uns täglich neue begegnen. Die Statue hat übrigens eine V- Form, wobei der eine Schenkel gekürzt ist. Damit soll sichtbar gemacht werden, dass noch ein weiter Weg bis zum Sieg des Volkes, zu gehen ist. Angestaubte Rhetorik, hingegen unverändert aktuell ist, dass in diesem Ungeheuer reichen Land es der Mehrheit der Menschen schlecht geht.
Wir fahren mit dem Taxi zum Hause von Peacewatch. Bevor wir das unsere Ansprechsperon kontaktieren können, ruft eine Nachbarin, dass dies bereits erledigt sei. Wir werden äußerst herzlich aufgenommen im Quartier. Das ist auch Barranca.
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